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gehalten von Barbara Kunz
Im November 1997 erlebte der Autokonzern Daimler-Benz die größte Blamage der Firmengeschichte: kurz vor der Auslieferung überschlug sich der mit Investitionskosten von über 2 Milliarden DM entwickelte Kleinwagen A-Klasse beim sog. Elchtest. Der Test stammt aus Skandinavien, wegen der vielen dort unvermittelt über die Straße laufenden Elche. Das Auto muss mit einer Geschwindigkeit von 60 Km/h ein plötzliches Ausweichmanöver fahren.
Anfangs versuchte die Firmenleitung herunterzuspielen. Erst als Kunden ihre Bestellung stornierten und Witze kursierten: "Wie parkt man einen Mercedes?" - "Neben die Parklücke fahren und einfach auf die Seite kippen" wurde die gesamte Auslieferung gestoppt und teuer nachgerüstet.
Fachwelt und Öffentlichkeit fragte sich, wie dem auf Sicherheit und Perfektion bedachten Autohersteller eine solche Panne unterlaufen konnte. Die Konstrukteure mussten eingestehen, dass sie die Durchführung des Tests nicht für notwendig gehalten hatten, weil er eine seltene Ausnahmesituation darstellt, die unter normalen Alltagsbedingungen nicht auftreten würde. Inzwischen gehört der Elchtest zum Standardprogramm für alle Fahrzeuge von Daimler-Benz.
Vergleichbares kann auch uns passieren: oft haben wir Scheu, uns mit dem Thema Rückfall zu befassen, beispielsweise damit, die durch Abstinenz erreichten Veränderungen auch unter ungünstigen Bedingungen auf ihre Standhaftigkeit zu überprüfen.
Warum ist das so? Warum ist der Rückfall ein Tabuthema in unseren Gruppenabenden? Warum verhalten wir uns wie die Ingenieure von D-B und denken: es wird schon gut gehen - mir wird schon nichts passieren!
Ein Grund dafür ist Angst: Die Angst der Angehörigen, plötzlich von einem Rückfall der/des Abhängigkeitskranken überrascht zu werden. Viele Angehörige werden noch nach langer Zeit der Abstinenz automatisch unruhig, wenn der Partner/die Partnerin, sich "wie früher" verhält, wenn er oder sie z.B. ehemalige Trinkkumpane besucht oder sich einfach auch mal verspätet.
Aus Angst scheuen sich Angehörige, das Thema „Rückfall“ anzusprechen, um möglichst keine "schlafenden Hunde zu wecken".
Oft haben die Angehörigen in der Vergangenheit viel gelitten, ein Gefühlschaos von Hoffnung, Zweifel und Enttäuschung durchlebt. Jetzt wollen sie nicht an dem Thema Rückfall rühren und hoffen, dass die Abstinenz einfach hält.
Ein weiterer Grund ist der Zweifel der Betroffenen: viele Betroffene reagieren verbittert, wenn sie bemerken, dass ihre Angehörigen ihnen misstrauen. Oft überschätzen sie sich nach einer Therapie, viele von uns kennen dieses Hochgefühl nach einer ersten Zeit der Abstinenz.
Oder das Gegenteil ist der Fall: die Betroffenen fürchten sich selbst vor einem Rückfall und vermeiden nach der "Vogel-Strauß-Politik", sich mit möglichen Rückfallrisiken auseinander zu setzen. Kommt es dann doch zu einem Rückfall, hören wir oft Sätze wie: "Ich weiß nicht, wie es dazu kam, plötzlich hatte ich ein Glas in der Hand".- "Die Probleme waren so groß, da wusste ich einfach nicht mehr weiter". Der Rückfall wird als unvermeidbares Ereignis dargestellt, auf den man keine Einflussmöglichkeiten hatte. Wir wissen aber, dass es so nicht ist.
Was genau ist ein Rückfall? Oft hört man unterschiedliche Meinungen in der Bandbreite von "jeder, auch ein unbewusster Kontakt mit Alkohol", bis zu "in die alten Trinkgewohnheiten zurückfallen". Eine allgemein akzeptierte Definition von Rückfall lautet: Ein Rückfall ist das bewusste Einnehmen von Alkohol oder Medikamenten oder anderen Suchtmitteln in jeglicher Form nach einer Zeit der Abstinenz.
Die hier anwesenden Angehörigen wissen, dass es für einen Rückfall keinen Suchtstoff braucht, auch der Rückfall in alte Verhaltensweisen ist ein Rückfall!
Heute wollen wir uns gemeinsam darüber austauschen, was passiert, wenn ein Gruppenmitglied, das einen Rückfall hatte, wieder in die Gruppe kommt. Manchmal sind wir darauf vorbereitet, weil wir vorher schon davon erfahren haben, vielleicht sogar schon ein persönliches Gespräch mit der oder dem Betroffenen hatten. Manchmal werden wir davon überrascht, wenn ein Gruppenmitglied zum ersten Mal am Gruppenabend über einen Rückfall berichtet.
Immer löst ein Rückfall eines Gruppenmitglieds etwas aus in der Gruppe. Das ist normal.
Wir werden mit unseren Gefühlen konfrontiert:
mit unseren eigenen Ängsten
mit unseren Unsicherheiten
mit unseren Denkmustern
mit unseren Vorurteilen
mit dem Gefühl der Hilflosigkeit
mit dem Bedürfnis, helfen zu wollen
Sind wir unvorbereitet, so kann uns ein solches Ereignis überrollen, es kann uns lähmen, hilflos machen, mit Schuldzuweisungen reagieren lassen. Aber wir können uns auch vorbereiten. In der Gruppe, die uns Halt und Sicherheit gibt, können wir uns mit diesem Thema beschäftigen und nicht die Augen aus Angst vor den dabei entstehenden Gefühlen verschließen.
Heute weiß man, dass Rückfälle zum Genesungsprozess dazugehören. Nicht jede und jeder "braucht" einen Rückfall auf seinem Weg zur Genesung, aber viele von uns sind diesen Umweg gegangen.
Wir kennen inzwischen die Auslöser von Rückfällen. Am häufigsten sind dies:
60% der Rückfälle ereignen sich in diesen drei Situationen. Weitere Auslöser können der Wunsch sein, kontrolliert zu trinken oder auch, angenehme Ereignisse nicht aushalten können (Belohnungstrinken).
Wir wissen, dass es ein Suchtgedächtnis gibt. Hans-Peter hat vorhin darüber gesprochen. Wir wissen, dass es Möglichkeiten gibt, einem Rückfall vorzubeugen oder ihn zu stoppen, wenn es doch einmal passiert.
Wir wissen, dass ein Rückfall zuerst im Kopf passiert.
Wir wissen, dass der schnellste Weg aus dem Rückfall heraus der Weg wieder in die Gruppe ist.
Was braucht ein rückfälliges Gruppenmitglied von seiner Gruppe, was ist hilfreich und tut gut? In einer Atmosphäre der Offenheit und Angstfreiheit lässt es sich über ein so schwieriges Thema wie den eigenen Rückfall am besten sprechen.
Auch ein Empfang ohne Vorurteile und Vorwürfe, sondern der Ausdruck der Freude, den Weg in die Gruppe gefunden zu haben, erleichtert es dem/der Betroffenen, über sich zu sprechen.
Wird das Thema "Rückfall" von Zeit zu Zeit als ganz normales Thema in der Gruppe besprochen, so verliert es seine Bedrohlichkeit.
Wenn Rückfälle nicht als Ausdruck des Scheiterns, sondern als Chance zur Besinnung darauf, was noch fehlt, gesehen werden, dann können wir ohne Angst mit diesem Thema umgehen.
Die Gruppe kann auch dabei helfen, über Ängste und Einsamkeiten wegzukommen und mit Humor negative Einstellungen und Haltungen zu verändern.
Zum Schluss noch einen Text zur Rückfallprävention nach Antoine de Saint Exupéry: „Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr, sondern um Kraft für den Alltag: